Mein nächstes Buch erscheint im Mai 2026. Es ist ein Entwicklungsroman (nun ja, mit unter 50k Wörtern eigentlich kein ‘Roman’, aber der Einfachheit halber bleibe ich jetzt dabei).
Olver, mein Prota entwickelt sich seelisch-geistig in einer fiktiv-biografischen Erzählung, also genügt er der Wikipedia-Definition. Schon mal gut.
Aber irgendwie ist er auch mein Entwicklungsroman, so auf der Meta-Ebene. Und das meiner Bücher, zu dem ich die gespaltenste Beziehung habe. Dabei liebe ich doch alle meine Geschichten. Und auch diese. Aber irgendwie … Aber von vorn.
Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht
Angefangen hat Olvers Geschichte 2023, nach der Veröffentlichung meines Debüts “Die Farbe der Vernunft”. Dort gibt es ein Love Triangle (Wobei ‘Love’ hier ein Stretch ist, aber alle drei Figuren sind miteinander emotional verbandelt. Dazu ein andermal mehr).
Olver begann mit der Frage: “Was wäre, wenn sie eine Figur weder für Figur A noch für Figur B entscheidet, sondern für sich selbst?”
Als Antwort kam er und flüsterte mir seine Geschichte ins Ohr. Noch sehr leise, ich konnte nicht alles verstehen.
Was ich noch nicht wusste: Es würde fast 3 Jahre brauchen, bis ich ihn greifen konnte.
Zuerst kam sein beißender Sarkasmus, mit dem er sich zynisch durchs Leben kommentierte. Er hat mir Spaß gemacht und ging leicht von der Hand. Aber dann geriet ich ins Stocken. Wie ging es weiter? Was macht er daraus? Und warum ist er eigentlich so verbissen?
Ich habe versucht, diese Fragen mit Plotten (dem genauen Vorplanen der Geschichte) zu beantworten. Weil ich mir und ihm nicht vertraut habe. Das war Ende 2023, ich war noch nicht lange Autorin und wusste noch recht wenig über meinen Prozess. Außerdem war in mir noch eine Menge verwickelt. 2024 kam die Zensur, meine Depression, Angst und meine Therapie brachten zunächst Tek und Dez aus Götterhain zu mir. Und ich hatte mit Olver ein erstes Mal. Zum ersten Mal pausierte ich eine Geschichte. Bisher hatte ich immer nur angefangen und es dann auch recht fix beendet. Bei Olver ging das gerade nicht. Ich lernte, dass Geschichten auch reifen dürfen.
Der nächste Schritt
Ende 2024 dann spürte ich, dass es wieder Zeit für Olver ist. Es ging weiter, ich fand den Konflikt, spürte falsche Fährten auf, die ich mir selbst gelegt hatte und lies sie dort, damit auch die Lesenden drüber stolpern können. Jetzt endlich, dachte ich, bringe ich es zum Abschluss. Doch Anfang 2025 rannte ich wieder in eine Mauer. Immer wieder saß ich am Anfang einer Szene, wusste nicht, wie ich es angehen konnte, vertraute nicht darauf, die richtigen Worte zu finden.
Olver war so anders als alle meine Geschichten vorher und nachher. Ich kam nicht in den Flow, ich begriff zu wenig. Und stockte wieder. Diesmal konnte ich bewusster eine Pause machen. Olver hatte Verständnis dafür, wie es sich anfühlt, lost zu sein.
Andere Ideen kamen, nichts blieb haften. Ich brachte Espe an den Waldrand, wo sie bis heute steht, ich weckte Ren in der Dunkelheit auf und steckte Lucy in eine Lederjacke, die ihr noch nicht passt. Und dann kam ein Sog so stark wie schon lange nicht mehr. Eine Geschichte entstand, in der ich mit dem Prota um Worte rang und oft verlor, aber das machte es so gut. Im Sommer 2025 schrieb ich Projekt Puppe, das ihr im Herbst 2026 von mir zu lesen bekommt.
Darin lehnt der Prota sich selbst ab, um in einer feindlichen Welt überleben zu können und muss lernen, Verantwortung für sein Leid abzugeben.
Nach dem Abschluss dieser Geschichte fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Olver ist genau gegenläufig. Er lehnt lautstark die Welt ab, in der er lebt, obwohl er lieber bei sich selbst gucken müsste, um seine Unzufriedenheit anzugehen. Zwei Protas, diametrale Reaktion auf die Dinge, die ihnen das Leben vor die Füße wirft.
Endspurt
Diese Erkenntnis half mir, Olver Ende 2025 zu Ende zu schreiben. Das und die Akzeptanz, dass Olvers Geschichte keinen Roman füllen wird. Ich hatte nur noch zwei Szenen übrig, um den Hauptteil und das bereits geschriebene Ende zu verbinden. Aber die 50k lagen in weiter Ferne. Ich musste mir aktiv erlauben, eine Geschichte zu schreiben, die kürzer ist als das, um den Lückenschluss zu schaffen und die Rohfassung zu beenden.
Auch das Lektorat war anders als sonst. In der Überarbeitung ging es viel weniger um Stil oder Plot. Natürlich waren auch dazu Punkte in den Anmerkungen, aber einen viel größeren Teil nahm mein Verhältnis zu den Figuren ein.
Es wurde klar, was ich schon ahnte: Olver ist stellenweise eine unsympathische Hauptfigur. Das habe ich erst recht spät realisiert, weil ich viel zu nah an meinen Figuren dran bin, um sie aus der Distanz zu bewerten. Das war aber gar nicht so sehr die Krux. Eine stellenweise unsympathische Hauptfigur ist in Ordnung und auch durchaus so gewollt.
Doch bei den Nebenfiguren kam noch zu viel meine Autorenstimme durch. Teilweise lag das daran, dass Teile des Buchs schon sehr alt waren und trotz Überarbeitung nicht mehr meinem aktuellen Können entsprachen. 2023 habe ich noch ganz anders geschrieben als heute. Aber teilweise lag es auch daran, dass ich blockiert war, was die Geschichten der Nebenfiguren anging. Insbesondere galt das für Olvers Frau. Sie wirkte oft noch wie eine Schablone, wie ein Plot-Vehikel statt Figur aus Fleisch und Blut.
Und so konnte mir nicht nur Olver, sondern im letzten Durchgang auch Paula noch viel über mich selbst beibringen.
Aua
Ich sags wies ist: Dieses Buch hat mir bisher meinen größten Kampf abverlangt. Bei allen anderen Manuskripten habe ich auch grübeln müssen, manchmal Wege neu gehen oder umkehren. Aber nie habe ich mir eine Geschichte so abringen müssen.
Und ich hoffe, dass ich das transportieren kann. Denn meinen Struggle, Olvers Struggle empfinde ich als Struggle einer ganzen Generation. Ich schreibe als Millennial für Millennials. Der Begriff Millennial-Crisis wird im Marketing eine große Rolle spielen und ich hoffe, dass sich viele von euch gesehen fühlen. Manch einer wird sich vielleicht auch ertappt fühlen oder genervt sein von meinem unsympathischen, unbeholfenen Olver mit seinen (ungewollten) Arschloch-Moves.
Ich wappne mich gerade dafür, ein Buch zu veröffentlichen, das unangenehme Gefühle hervorruft. Es ist die Aufgabe dieser Geschichte, war es schon im Schreiben, wird es beim Lesen sein. Und vielleicht schafft es bei euch eine Versöhnung mit diesen unangenehmen Gefühlen. Denn das habe ich durch Olver gelernt: Sie dürfen da sein und gehören dazu.
Ab Mitte April ist Olver auf NetGalley erhältlich. Ende Mai erscheint er offiziell.
Bis dahin lass ich euch mal die Playlist hier. Ihr Name gibt einen kleinen Hinweis auf den Titel des Buches. 😉
Tüdelü!



