Ich möchte heute mit einer Anekdote einsteigen. Denn ich glaube, das Thema, was ich in diesem Artikel bespreche, muss man ein stückweit erleben, um es zu begreifen. Und was eignet sich dafür besser als eine Geschichte?
Neulich war eine liebe Freundin zu Besuch und wir sprachen über Musik. Ich habe ihr den Song “Wenn du mich lässt” von LEA empfohlen, weil ich den gerade rauf und runter höre.
Er gehört für mich zu meinem Neo-Noir Manuskript. Darin geht es um einen traumatisierten Protagonisten, der am laufenden Band moralisch fragwürdige Entscheidungen trifft und überzeugt ist, ein schlechter Mensch zu sein.
Das Lied “Wenn du mich lässt” steht dabei für den Love Interest, der den Protagonisten trotz aller schlechten Entscheidungen und Fehler liebt. Und eben zu verstehen gibt: “Ich werde dich lieben, wenn du mich lässt.”
Meine Freundin hat den Song angespielt und ich habe so mal “von außen” zuhören können. Durch ihre Ohren quasi, mit etwas emotionaler Distanz.
Und da hat mich eine Erkenntnis getroffen. In meinem Manuskript geht es um bedingungslose Liebe – allerdings nicht von außen, sondern zu mir selbst.
Ich weiß, dass ich den Glaubenssatz “Ich bin gut genug” für mich etablieren möchte. Ich möchte so über mich denken und ich bin auf einem guten Weg. (Wer mehr dazu wissen möchte, dem empfehle ich Götterhain. Das dreht sich genau darum.)
Jetzt im Angesicht dieses neuen Manuskriptes ist mir klar geworden, dass mein bisheriger Ansatz aber beinhaltete, dass ich mich dafür nur gut genug ändern muss. Wenn ich dieses abstelle und mir jenes zur Gewohnheit mache, dann kann ich endlich über mich denken, dass ich gut genug bin.
Doch dann sang LEA:
“Was du Schwäche nennst, find ich besonders.
Ich lieb deine Art und für mich ist dein Chaos Kunst.”
Meine gesamte Geschichte ist eine große Bitte von mir an mich selbst, mich JETZT zu lieben. Mit allen Fehlern, mit aller Awkwardness und auch wenn ich meinen eigenen moralischen Kompass nicht erfülle. Bedingungslos.
Der Struggle meines Protas vom Love Interest ehrlich gesehen und trotzdem geliebt zu werden, ist mein eigener. Ich habe mich selbst auf meinen Denkfehler aufmerksam gemacht. Und das nicht rational, sondern über das Gefühl, das ich in meine Geschichten lege.
Das kann Kunst. Dafür ist Kunst da.
Es ist mir die größte Ehre, wenn meine Bücher meinen Lesenden ebenfalls solche oder ähnliche Erkenntnisse ermöglichen. Wenn ich solche Nachrichten von euch bekomme, dann weiß ich, dass ich auf dem richtigen Weg bin.
Intuitives Schreiben ist mein Zugang
Heute weiß ich genau, was sie meinte. Ich kommunizieren mit meinem Unterbewusstsein, mit meiner eigenen inneren Weisheit. Diese Weisheit tragen wir alle in uns, die meisten von uns haben nur nie gelernt, mit ihr umzugehen oder sie auch nur zu hören.
Durch mein Schreiben bekommt sie eine Stimme.
Dafür musste ich allerdings akzeptieren, dass mein Schreibprozess sehr intuitiv abläuft.
Anfangs (und teilweise immer noch) fühlte ich mich durch meine Arbeitsweise wie eine Betrügerin. Als würde ich schummeln. Imposter-Syndrome, juchee.
Es heißt immer, dass man seine Werkzeuge kennen muss. Das tue ich auch. Ich hab mich viel mit dem Handwerk beschäftigt und geübt. Allerdings vergesse ich das alles (zumindest im Bewussten), wenn ich meine Rohfassungen schreibe.
Dafür schreibe ich einfach. Ich entdecke die Geschichte genauso wie Lesende sie entdecken. Und entdecke dabei mich selbst.
Ich habe mir in That fucking Bet und Movitae pan-sexuelle Identifikationsfiguren geschrieben, bevor ich selbst wusste, dass ich es bin. In Die Farbe der Vernunft habe ich die Auseinandersetzung meines Verhältnisses zu Gefühlen vorweggenommen. Und in Ingenio beschäftige ich mich mit der Heldenrolle und dass sie nicht die einzige Art und Weise ist, um auf die Welt Einfluss zu nehmen.
Das passierte alles vor meiner Therapie und bevor mir bewusst wurde, dass das genau meine Themen sind.
Dieses intuitive Schreiben öffnet mir einen ganz anderen Zugang zu mir selbst. In jedem Buch steckt mindestens eine Lektion über mich, meine Existenz und Glaubenssätze. Das dann ins Bewusstsein zu holen und daraus zu lernen, ist die emotionale Arbeit, die ich mache.
Ich bin super dankbar, dieses Werkzeug gefunden zu haben.
Selbst, wenn ihr nicht veröffentlicht: Probiert doch mal aus, was zu schreiben. Ohne Plan, einfach, was euch in den Sinn kommt. Fiktiv oder Tagebuchartig, Sachbuch oder nur Gedankenfetzen. Es könnte euch überraschen, was ihr zu Papier bringt.
Und apropos Überraschung …
So wie ich mit einer Anekdote angefangen habe, will ich auch mit einer schließen. Denn ein großes Plus von dieser intuitive Herangehensweise ist, dass ich mich immer wieder selbst überrasche und ich liebe das!
Kurz nach Veröffentlichung meines Debüts habe ich einen Ausschnitt aus Die Farbe der Vernunft auf Instagram geteilt. Diesen hier:
Er räusperte sich. »Ich folge dir nicht. Ich arbeite und wohne hier. Es ist mein gutes Recht, hier zu sein.«
Sie zog eine Augenbraue hoch. »Und? Was arbeitest du hier so Wichtiges?«
»Musiker-Sachen.« Er trat einen Schritt auf sie zu.
Sie prustete los. Ein Geräusch, das sein Herz einen Hüpfer machen ließ.
»Ich sollte gehen.« Er trat noch einen Schritt auf sie zu.
Ihr Gesicht wurde schlagartig ernst. »Das ist aber in die andere Richtung.«
»Ich weiß.« Noch ein Schritt. Ihr Atem wehte ihm verführerisch über die Lippen.
Ihre Arme sanken nach unten und mit einem leisen Rascheln kam die Maske auf dem Boden auf. »Du solltest wirklich gehen.«
Eine Followerin kommentierte, dass sie denkt, dass die Maske hier sowohl buchstäblich als auch metaphorisch fällt. Und sie hatte völlig recht. Ich habe das in dem Moment selbst zum ersten Mal begriffen.
Ich dachte immer, dass solche Sachen nur etwas wert sind, wenn ich sie bewusst anwende. Aber inzwischen weiß ich, dass das Quatsch ist. Es bin ja immer noch ich, die das geschrieben hat. Mein Hirn, meine Intuition. Also warum sollte es eine Rolle spielen, ob ich das bewusst oder unbewusst gemacht habe?
Inzwischen habe ich meinen intuitiven Prozess sehr lieb gewonnen und übe ihn immer mehr zuzulassen. Das setzt natürlich voraus, dass ich das Geschichtenerzählen so verinnerlicht habe, dass ich es intuitiv anwenden kann. Aber das ist wohl ein anderer Artikel.
Tüdelü!


