Mit meinem Schreiben suche ich nach Antworten, ich versuche mir die Welt zu erklären. Und sicherlich kann man auch mal auf Antworten stoßen, wenn man sich vorher keine Fragen gestellt hat. Dennoch macht es die Suche sehr viel einfacher, wenn man die Frage kennt. Und – Vorsicht jetzt wird es wild – deswegen Suche ich während der Rohfassung meiner Romane immer erstmal nach den Fragen, die ich beim Schreiben gerade beantworte. Ergibt vielleicht von außen nicht so viel Sinn und wirkt wie ein Zirkelschluss. Aber für mich funktioniert es gut und ich habe gelernt, meinen kreativen Prozess nicht zu sehr zu hinterfragen. Solange meine Intuition sagt, es ist fein, mache ich weiter.
Am Ende der Rohfassung kenne ich also die Fragen und auch die Antworten – zumindest so, wie sie sich mir in dieser Phase meines Lebens offenbaren.
Und tatsächlich gibt es für jedes Manuskript auch immer eine zentrale Frage, in die sich alles andere einordnen lässt. Oft schafft die es sogar in den Klappentext als Hook, denn sie ist natürlicherweise auch die perfekte Zusammenfassung des Werkes. Deswegen fasse ich hier alle meine Bücher mit ihren Fragen zusammen. Der Artikel wird regelmäßig mit neuen Werken aktualisiert.
Götterhain: Das Psychologische
Die Frage: Was ist die Grundlage meines Handelns?
Götterhain habe ich 2024 als Begleitung zu meiner Therapie geschrieben. Anfang dieses Jahres hatte ich einen kompletten Zusammenbruch, kam im Alltag nicht mehr klar. Diagnose: Depression und Angst. Meine Therapeutin war sehr erfreut zu hören, dass ich Autorin bin, denn: “Schreiben ist ein sehr mächtiges Werkzeug.” Und meine Reise inspirierte mich so sehr, dass ich mein Gelerntes direkt parallel in eine Geschichte gegossen habe. Und heraus kam Götterhain: eine Metapher auf das Unbewusste, das in uns wirkt, wie es funktioniert und wie wir Zugang zu ihm bekommen.
Besonders stolz bin ich auf die Rückmeldungen, die mir bestätigen, dass die Botschaften bei euch ankommen und das Lesen euch guttut.
Seerosenzirkel: Das Biologische
Die Frage: Was bestimmt meinen Platz in der Gesellschaft?
Das Omegaverse mit seinen zusätzlichen Geschlechtern gab mir die Chance, für selbstverständlich gehaltene Rollenbilder zu hinterfragen und mit ihnen zu spielen. Was passiert, wenn ein Mann plötzlich in die Position des “natürlich Unterwürfigen” versetzt wird? Noch dazu ist das Omegaverse übertrieben biologistisch und hierarchisch – und die Hyperbel ist mir ein liebes Mittel, um meinen Punkt zu machen. Alle Figuren werden hier gezwungen, sich zu fragen, wie sie ihren Platz finden wollen und was sie ertragen und wogegen sie rebellieren.
Der Seerosenzirkel ist düster und zeigt verschiedenste toxische Beziehungen, doch mein Prota Lio kämpft gegen diesen ganzen Mist an und wird so für mich zu einem Symbol der Hoffnung.
Die Farbe der Vernunft: Das Gefühlvolle
Die Frage: Kann es Vernunft ohne Emotion geben?
In diesem Buch steckt meine ganze Sehnsucht nach einer künstlerischen, emotional-intelligenten Welt. In unserer Realität wird das Rationale, das Vernünftige oft so hochgehalten und als Ideal erklärt – insbesondere in der Deutschen Kultur. So sehr, dass wir unsere Gefühle unterdrücken und sie sich dann destruktiv an unpassenden Stellen Bahn brechen und leicht von Konzernen und Politik instrumentalisiert werden können. Wie gelingt es uns, die Angst vor unsere Gefühlen abzulegen und uns mit ihnen zu versöhnen? Die Antwort liegt natürlich in der Kunst und so ist “Die Farbe der Vernunft” eine meiner buntesten, künstlerischsten Geschichten. Ich habe sogar einen Song dafür geschrieben und vertonen lassen.
That fucking Bet: Das Romantische
Die Frage: Was ist Liebe?
Eine uralte Frage der Menschheit und was liegt näher, als sie in einer romantischen Komödie zu beleuchten? Denn auch wenn die Liebe so gewichtig und groß ist, finde ich, dass wir sie nicht immer so bierernst nehmen müssen. Also sucht Vic mit Charme und Witz nach ihrem Weg, der Liebe zu begegnen. Nicht nur der romantischen, sondern auch körperlich und in Freundschaften und Familie. Gerade mit ihrem besten Freund Fabian (und ihrer heimlichen Liebe) erkundet sie die Winkel der Liebe, die vielleicht auch nicht unbedingt alltäglich sind.
Oft lobend in Rezensionen erwähnt: Auch die Nebenfiguren bekommen Raum und zeigen wie vielfältig und einzigartig Beziehungen sind.
Ingenio 1+2: Das Gesellschaftskritische
Die Frage Band 1: Heiligt der Zweck die Mittel?
Die Frage Band 2: Was unterscheidet dich von dem, gegen das du kämpfst?
Gut, Böse, Richtig, Falsch – wer entscheidet über diese Kategorien? Ingenio war das allererste Manuskript, das ich geschrieben habe. Die Idee kam in einem sehr körperlichen Traum zu mir, hat mich nicht mehr losgelassen und mich damit zur Autorin gemacht. Und es hat so vieles vorweggenommen, mit dem ich mich die nächsten Jahre – auch gezwungenermaßen – beschäftigen sollte. Das Zitat auf meiner Homepage stammt aus der finalen Rede in Band 2 und setzt damit den Zweck meiner Kunst. Nicht ein einzelner, nicht eine einzelne Tat wird die Erlösung bringen, sondern die stetige Überprüfung unserer eigenen Motive und Handlungen.
Movitae: Das Philosophische
Die Frage: Wie funktioniert Erkenntnis?
Movitae gehört zu Ingenio. Chronologisch ein Prequel ist es inhaltlich aber eher eine Fortführung des Themas in Ingenio. Wenn wir uns ständig selbst überprüfen müssen, was setzen wir dann als Kriterien dafür an?<
Die Geschichte über die Erkenntnis ist in Struktur und Inhalt ein modernes Retelling von Platons Höhlengleichnis. (Warum immer nur Märchen “retellen”?) Doch auch andere philosophische Konzepte wie der kategorische Imperativ, Schuld oder der Hedonismus werden von Prota Alexander Sturm und seinem Mentor diskutiert. Aber alles so, dass man kein Philosophie-Studium dafür braucht, sondern praxisnah und verständlich.
Alex ist ein ganz besonderer Charakter, weil er in so vielem eine Identifikationsfigur für mich ist – in dem, wie ich bin (teilweise noch ohne es zu wissen) und in dem, wie ich sein möchte.
Manche dieser Fragen würde ich heute vielleicht anders beantworten oder vielleicht sogar ganz anders stellen. Aber das ist auch der Charme meiner Kunst: An ihr kann man meine Entwicklung nachvollziehen. Und nichts ist befriedigender als zurückzuschauen und den Weg zu sehen, den man schon gekommen ist.
Tüdelü!



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